Am Anfang war Stille.
Nicht die Stille, die man kennt, wenn man nachts im Bett liegt
und draußen nur ein weit entferntes Auto vorbeifährt.
Nicht die Stille eines Waldes, in dem ein Vogel kurz innehält.
Es war eine andere Stille.
Eine Stille, die sogar keinen Wind
hatte.
Eine Stille, die noch nicht einmal Geräusche
lernen musste.
Es war die Stille… bevor etwas überhaupt entstehen konnte.
In dieser Stille lag etwas Unsichtbares – wie ein unsichtbares Blatt Papier, auf dem noch niemand geschrieben hatte. Und dann, ganz plötzlich, flackerte ein Funken auf.
Nicht laut.
Nicht groß.
Aber stark.
Ein Server wurde geboren.
Ein neuer Ort.
Die ersten Admins, die ihn erschaffen hatten, nannten ihn:
MC-Mügeln.
Und in der Mitte dieses Ortes bauten sie das Wichtigste
überhaupt:
Den Ursprungskern.
Der Ursprungskern war wie das Herz der Welt. Er bestand aus reiner Energie und sah aus wie ein schwebender Kristall, der in allen Farben schimmerte, als hätte jemand Regenbogenlicht eingefangen.
Solange der Ursprungskern leuchtete, war MC-Mügeln
stabil.
Wälder wuchsen, Flüsse flossen, Berge standen fest, und die
Sonne ging jeden Tag zuverlässig auf.
Doch tief unten, dort, wo kein Spieler je hinlaufen konnte…
…dort, wo nicht einmal die mutigsten Miner mit Diamantspitzhacke hinkamen…
…passierte etwas Seltsames.
In den unberührten Schichten, zwischen uralten Daten, die keiner je angesehen hatte, formte sich ein Fragment.
Ein Teil der Welt, der sich selbst zusammensetzte – wie ein Puzzle, das sich ohne Hände zusammensetzt.
Und dieses Fragment war… anders.
Es leuchtete nicht wie der Ursprungskern.
Es glitzerte nicht.
Es sang nicht im Licht.
Es brannte.
Doch es brannte nicht wie ein Lagerfeuer, das warm und gemütlich ist. Es war ein Brennen, das kalt war. Ein Feuer, das Schatten hatte. Ein Feuer, das nicht flackerte, sondern schluckte.
Die Admins hatten so etwas nie geplant.
Es war kein Monster.
Kein Fehler.
Kein Programm, das kaputt war.
Es war etwas… dazwischen.
Etwas, das langsam erwachte.
Und als es seinen Namen in die tiefsten Logdateien schrieb, wurde es zum ersten Mal in der Welt vermerkt.
Nur ein einziges Wort.
Schattenflamme.
Und sie wartete.
MC-Mügeln war ein Ort voller Leben.
Wenn man morgens einloggte, hörte man manchmal das Rascheln der Blätter, obwohl es nur Blöcke waren. Man roch den Duft von frischem Holz (na ja – jedenfalls bildete man sich das ein), und man konnte sehen, wie die Sonne über die Berge stieg, als hätte jemand einen riesigen goldenen Scheinwerfer angeschaltet.
Die Spielerinnen und Spieler kannten die wichtigsten Regeln:
Ehre. Anstand. Stolz.
Das waren keine langweiligen Regeln wie „Nicht rennen!“ oder
„Gemüse essen!“
Das waren Regeln, die bedeuteten:
Hilf anderen, wenn sie Hilfe brauchen.
Zerstöre nicht, was jemand mit Liebe gebaut hat.
Sei mutig, aber nicht gemein.
Und wenn du kämpfen musst, dann fair.
Die Gemeinschaft war stark.
Es gab kleine Dörfer mit gemütlichen Häusern. Es gab große
Städte mit hohen Mauern. Es gab Brücken über Flüsse, Türme mit
Aussicht, und sogar ein riesiges Lagerhaus, in dem alles
ordentlich sortiert war (zumindest behauptete das derjenige,
der es gebaut hatte).
In den Minen funkelten Erze.
Auf den Feldern wuchsen Weizen und Karotten.
Und manchmal traf man sich am Abend am Marktplatz, stellte ein
paar Fackeln auf, und jemand spielte mit Notenblöcken ein
schiefes Lied, das trotzdem alle zum Lachen brachte.
Doch während oben gelacht wurde, passierte unten etwas.
Der Ursprungskern, tief in seiner Kammer, flackerte manchmal
ganz kurz – so kurz, dass es keiner bemerkte.
Sein Licht pulsierte ungleichmäßig, als würde das Herz der Welt
kurz stolpern.
Und in den Logdateien – dort, wo Admins nur hinschauen, wenn wirklich etwas schiefgeht – tauchte eine Zeile auf.
Nicht rot. Nicht mit Warnsymbol.
Ganz ruhig.
Fast freundlich.
Schattenflamme.initialisiert
Die Admins runzelten die Stirn.
„Initialisiert?“, murmelte Admin Karo, die immer sofort merkte,
wenn irgendwas komisch war.
„Wer hat denn da was initialisiert?“
Admin Tom, der gerne so tat, als sei alles halb so wild, winkte
ab.
„Ach, bestimmt nur irgendein Update. Oder ein Plugin, das sich
wichtig machen will.“
Admin Karo schaute ihn streng an.
„Plugins schreiben nicht so. Und sie schreiben schon gar nicht in Bereiche, in die sie nicht dürfen.“
Tom wollte gerade etwas sagen, da vibrierte plötzlich der Ursprungskern – ganz leicht.
Wie ein Atemzug.
Wie ein Warnzeichen.
Aber oben in der Welt baute gerade jemand eine riesige Statue aus Wolle, und alle waren abgelenkt.
Niemand hörte den Ursprungskern.
Nur etwas ganz Tiefes, ganz Altes, hörte ihn.
Und es lächelte nicht.
Es brannte.
Es begann harmlos.
So harmlos, dass man es fast lustig fand.
Ein Spieler namens Basti lief eines Morgens durch den Wald, wollte Holz sammeln, und plötzlich…
…war da ein Stück Welt, das einfach nicht da sein sollte.
Ein ganzer Chunk lud nicht. Statt Bäume und Gras sah man nur… Leere. Wie ein unsichtbares Loch in der Landschaft.
Basti blieb stehen.
„Äh… Leute?“, schrieb er in den Chat. „Ich glaube, hier ist ein Loch in der Welt.“
„Vielleicht bist du aus Versehen in den Himmel gefallen“, antwortete jemand.
„Oder dein PC hat Hunger“, schrieb ein anderer.
Basti machte einen Screenshot und schickte ihn.
Die Admins sahen es.
Admin Karo wurde still.
„Das ist nicht normal.“
Admin Tom zuckte mit den Schultern.
„Ein Chunkfehler. Passiert. Ich restart später.“
Aber am gleichen Abend passierte noch etwas.
Ein Baum, der am Tag noch normal gewesen war, war plötzlich… schwarz.
Nicht dunkelgrün. Nicht braun.
Schwarz, als hätte jemand die Textur ausgetauscht.
Und das Seltsame war:
Der Baum brannte nicht.
Aber er sah aus, als würde er in sich drin glühen.
Die Blätter wirkten wie verbrannte Papierstücke, nur dass sie
nicht zerfielen.
Und wenn man nah genug heranging, hörte man ein leises Knistern
– nicht warm, sondern kalt.
Die Spieler nannten ihn sofort:
„Der Gruselbaum!“
Kinder (also: die jüngeren Spieler) stellten sich drum herum, machten Witze, sprangen hoch und runter und riefen:
„Traust du dich, den anzufassen?!“
Natürlich fasste jemand ihn an.
Natürlich passierte… nichts.
Alle lachten.
Bis am nächsten Tag plötzlich die Tiere verschwanden.
Erst ein Schaf, das nicht mehr auf der Wiese stand.
Dann ein ganzes Hühnergehege.
Dann ein Dorf – ein kleines NPC-Dorf, das gestern noch da
gewesen war.
Ein Spieler schrieb:
„Ähm… das Dorf bei X: 120 / Z: -340 ist weg. Einfach weg.“
Die Admins teleportierten hin.
Und dort, wo das Dorf hätte sein sollen, war nur eine Fläche aus dunklem, fast glänzendem Boden. Als wäre dort etwas verbrannt – aber ohne Asche, ohne Rauch.
Eine kalte Brandstelle.
Admin Karo kniete sich hin (also im Spiel, natürlich) und schlug mit der Spitzhacke dagegen.
„Das ist kein normaler Block.“
Tom schluckte.
„Das… ist… neu.“
Ein Muster wurde sichtbar:
Überall, wo die Welt verschwand, blieb dieser seltsame Brand zurück.
Die Spieler gaben dem Ganzen einen Namen, der sich schnell verbreitete:
Schattenbrand-Zonen.
Und je mehr man darüber sprach, desto mehr tauchten sie auf.
Als hätte die Welt zugehört.
In MC-Mügeln gab es Legenden.
Nicht alle glaubten daran – aber alle kannten sie.
Man erzählte sich, dass die Welt von vier uralten Wesen bewacht wurde. Keine Götter im Sinne von „sie machen, was sie wollen“, sondern Wächter, die eine Aufgabe hatten:
Den Ursprungskern stabil zu halten.
Sie waren wie die vier Ecken eines Tisches.
Solange alle vier da waren, stand die Welt sicher.
Wenn einer fehlte… wackelte alles.
Die vier Wächter waren:
Gauth – Wächter der Erde
Ein Koloss aus Stein, Wurzeladern und Runen. Sein Atem ließ
Berge beben.
Szardók – Wächter des Wassers
Ein serpentiner Eisdrache, dessen Schuppen wie gefrorene Sterne
funkelten.
Pyrobus – Wächter des Feuers
Ein Titan aus Lava und Asche. Seine Schritte machten Vulkane
wach.
Thalos – Wächter des Verfalls
Ein Wesen aus Schatten, Moos und Zeit. Er bewachte den
Kreislauf: Wachstum, Ende, Neubeginn.
Normalerweise schliefen die Wächter.
Tief in ihren eigenen Biomen.
Denn die Welt war stabil.
Doch als die Schattenbrand-Zonen wuchsen…
…wachte zuerst die Erde auf.
Im Gebirge, ganz weit im Norden, riss ein Fels
auseinander.
Nicht durch TNT. Nicht durch Creeper.
Sondern von innen.
Ein Auge öffnete sich.
Kein menschliches Auge – sondern ein Auge aus Stein, in dessen Iris uralte Runen leuchteten.
Gauth erhob sich.
Sein Körper war so groß, dass sein Kopf durch Wolken
ragte.
Wenn er sich bewegte, rollten Gerölllawinen wie Murmeln einen
Hang hinunter.
Er legte eine Hand auf den Boden.
Und fühlte es.
Die Welt war krank.
„Etwas frisst die Fragmente“, grollte er. Seine Stimme klang wie zwei Berge, die gegeneinander rutschen.
Im gleichen Moment knackte das Eis im großen Frostmeer.
Szardók wand sich aus der Tiefe empor, sein Körper lang wie ein Fluss. Als er aus dem Wasser stieg, gefror die Oberfläche zu glitzerndem Glas.
Er schnupperte.
„Das Wasser… schmeckt nach… Leere.“
Im Vulkanland riss Pyrobus die Augen auf.
Lava spritzte. Asche stieg auf.
„Wer wagt es, mein Feuer zu verhöhnen?“, brüllte er.
Und im uralten Sumpfwald, wo alles langsam und ruhig war, öffnete Thalos seine Augen. Sie waren nicht böse – eher traurig.
„Zeit hat sich verheddert“, flüsterte er. „Und etwas, das nicht sterben sollte, will leben.“
Die vier Wächter spürten es gleichzeitig.
Schattenflamme.
Und obwohl sie seit Ewigkeiten existierten, wussten sie eines:
Das war kein normaler Gegner.
Das war etwas, das die Regeln nicht kannte.
Und wenn Regeln fallen…
…fällt irgendwann die Welt.
Es gab einen Abend, an den sich später alle erinnern sollten.
Nicht, weil jemand eine riesige Burg fertig gebaut hatte.
Nicht, weil jemand einen seltenen Diamanten gefunden hatte.
Sondern, weil die Sonne unterging…
…und nicht wiederkam.
Die Spieler loggten ein, liefen herum, und wunderten sich.
„Warum ist es so lange Nacht?“, fragte jemand.
„Vielleicht ist es nur ein Serverbug“, schrieb ein anderer.
Die Admins schauten in die Konsole.
Keine Fehlermeldung.
Aber der Ursprungskern flackerte so stark, dass sein Licht in der Kernkammer wie eine kaputte Taschenlampe wirkte.
Dann passierte es.
Der Himmel riss auf.
Nicht wie ein Gewitter, bei dem Blitze zucken.
Es war eher, als hätte jemand ein riesiges Stück Papier
genommen und mit einem Messer aufgeschlitzt.
Ein Spalt, schwarz wie der Zwischenraum zwischen zwei Gedanken.
Aus dem Spalt tropfte Feuer.
Doch dieses Feuer war falsch.
Es brannte nicht hell.
Es wärmte nicht.
Es machte keine Funken.
Es sah aus wie schwarze Glut – und wo es hinfiel, wurde die Welt… still.
Bäume hörten auf zu rascheln.
Wasser hörte auf zu plätschern.
Selbst Monster wirkten verwirrt und blieben stehen, als hätten
sie vergessen, was sie eigentlich wollten.
Und dann formte sich etwas aus dem Spalt.
Keine klare Gestalt.
Kein Körper.
Ein Wirbel aus schwarzer Glut, der sich zusammenzog, auseinanderzog, wieder zusammenzog – wie ein lebender Schattenbrand.
Die Spieler standen da, starrten nach oben, und niemand machte einen Witz.
Weil jeder spürte:
Das ist nicht ein „cooles Event“.
Das ist… gefährlich.
Die Schattenflamme war da.
Und die Welt hielt den Atem an.
Die Wächter kamen.
Gauth stampfte aus den Bergen, jeder Schritt ein
Erdbeben.
Szardók glitt durch die Luft wie ein eisiger Sturm.
Pyrobus brach aus einem Vulkan hervor, als wäre er selbst ein
Ausbruch.
Thalos erschien einfach – plötzlich, lautlos, als wäre er schon
immer dort gewesen.
Sie stellten sich unter den Riss.
Und als Gauth sprach, bebte der Boden.
„Schattenflamme! Du gehörst nicht zu dieser Welt.“
Die Schattenflamme antwortete nicht mit Worten.
Sie antwortete, indem sie sich drehte.
Als würde sie lachen – ohne Mund.
Gauth rammte seine riesigen Fäuste in den Boden.
Berge erhoben sich wie Mauern, Steinwände schoben sich hoch, um die Schattenflamme einzukesseln.
Doch die Schattenflamme glitt hindurch…
…wie Rauch durch ein Gitter.
Szardók brüllte und ließ einen Sturm aus Eis los.
Eiszapfen schossen wie Pfeile, Schnee wirbelte, der Himmel
wurde weiß.
Die Schattenflamme verschluckte den Sturm.
Und das Eis wurde schwarz.
Pyrobus schleuderte Lava.
Ein Feuerfluss, heiß und mächtig, der jeden Gegner geschmolzen
hätte.
Die Schattenflamme fraß die Lava.
Und die Lava wurde kalt.
Zum ersten Mal stockte Pyrobus.
„Das ist unmöglich“, knurrte er.
Thalos hob seine Hände, und uralte Runen erschienen in der
Luft.
Ein Netz aus Zeit und Verfall, das alles binden konnte.
Für einen Moment schien es zu funktionieren.
Doch dann… band die Schattenflamme ihn.
Die Runen erloschen, als hätte jemand das Licht ausgepustet.
Thalos fiel auf die Knie.
Gauth griff nach ihm, doch die Schattenflamme wuchs.
Mit jedem Wächter, der schwächer wurde, wurde sie stärker.
Nicht, weil sie „besser kämpfte“.
Sondern weil sie etwas tat, das keiner kannte:
Sie überschrieb.
Wie ein Radiergummi, der nicht nur Linien löscht, sondern das Papier selbst.
Die Wächter kämpften weiter, weil sie Wächter waren.
Aber tief in ihren uralten Herzen wussten sie:
Dies ist nicht nur ein Kampf.
Dies ist… ein Countdown.
Die Schattenflamme kroch weiter.
Sie musste nicht laufen.
Sie musste nicht fliegen.
Sie war einfach… da, wo sie sein wollte.
Wie ein Gedanke, der plötzlich im Kopf ist.
Sie bewegte sich Richtung Ursprungskern.
In der Kernkammer standen die Admins.
Admin Karo hatte Schweiß auf der Stirn (na ja, wahrscheinlich eher in echt), und ihre Hände flogen über die Tastatur.
„Ich finde nichts! Keine Fehlermeldung, keine Rechteverletzung, nichts!“
Tom starrte auf die Logdateien.
„Sie… sie schreibt sich überall rein. Sie ist nicht in einer Datei. Sie ist… im System.“
Der Ursprungskern flackerte so stark, dass er manchmal fast dunkel wurde.
Und jedes Mal, wenn er dunkel wurde, verschwanden irgendwo in der Welt Blöcke.
Chunks lösten sich auf, als wären sie nie da gewesen.
Spieler loggten ein – und standen vor Leere.
„Hilfe! Mein Haus ist weg!“, schrieb jemand.
„Meine Kiste! Meine Items!“, schrieb ein anderer.
Manche wurden wütend. Manche traurig. Manche hatten Angst.
Und dann kam etwas Neues: Stille im Chat.
Nicht, weil keiner online war.
Sondern weil keiner wusste, was man sagen sollte.
Die Schattenflamme war kurz davor, den Ursprungskern zu erreichen.
Und wenn sie den Kern überschreibt…
…verschwindet MC-Mügeln.
Nicht nur ein Gebiet.
Nicht nur ein Dorf.
Alles.
Als alles verloren schien, passierte etwas Seltsames.
Der globale Chat, der seit Minuten still gewesen war, flackerte auf.
Eine Nachricht erschien.
Ohne Namen.
Ohne Rang.
Ohne Farbe.
Nur Text.
„Die Helden kommen.“
Alle starrten darauf.
„Wer war das?!“, schrieb Basti.
„War das ein Admin?“, fragte jemand.
Admin Karo schüttelte den Kopf.
„Ich war’s nicht.“
Tom wurde blass.
„Ich auch nicht.“
Der Ursprungskern pulsierte – als hätte er die Nachricht selbst gesendet.
Oder als würde… etwas anderes sprechen.
Dann verstummte der Chat wieder.
Doch diesmal war es keine hilflose Stille.
Es war eine Stille wie vor einem Sprung.
Wie vor einem „Los!“.
Die Spieler spürten es:
Wenn es Hoffnung gibt, dann jetzt.
Die Schattenflamme erreichte den Kernraum.
Sie schwebte vor dem Ursprungskern wie eine dunkle Sonne.
Der Kern flackerte, als hätte er Angst.
Admin Karo flüsterte:
„Bitte… halt durch.“
Und dann geschah es.
Ein Login.
Plopp.
Ein neuer Spieler erschien am Spawn.
Dann noch einer.
Plopp.
Und noch einer.
Plopp. Plopp. Plopp.
Drei neue Namen im Chat, die niemand kannte.
Keine alten Veteranen. Keine „Pro-PvP-Legenden“.
Sondern neue Spieler. Jüngere Spieler. Mutige Spieler.
Sie schrieben nicht „Hi“.
Sie schrieben nicht „Wer gibt Items?“.
Sie schrieben:
„Was ist hier los?“
„Warum ist alles schwarz?“
„Braucht ihr Hilfe?“
Admin Tom wollte gerade antworten, da schrieb einer der Neuen:
„Ich hab so was Ähnliches mal gesehen… in einem alten Modpack. Da gab’s Fragmente… und ein Herz der Welt.“
Admin Karo riss die Augen auf.
„Woher weißt du vom Ursprungskern?“
Der neue Spieler antwortete:
„Weil man es… fühlt.“
Und da begriff die Schattenflamme etwas.
Diese Spieler waren anders.
Sie brachten etwas mit, das sie nicht kannte.
Nicht ein Schwert.
Nicht Rüstung.
Sondern:
Hoffnung.
Die drei neuen Spieler trafen sich am Marktplatz der größten Stadt, die noch nicht verschwunden war.
Sie hießen:
Lina, die immer als Erste loslief, auch wenn sie nicht wusste, wohin.
Jaro, der alles beobachtete und sich an jedes Detail erinnerte.
Milo, der gern Quatsch machte, aber im Ernstfall plötzlich sehr still und sehr mutig wurde.
„Okay“, sagte Lina und stemmte die Hände in die Hüften. „Wenn die Welt kaputtgeht, dann reparieren wir sie.“
Milo grinste. „Einfach so? Mit ’nem Pflaster?“
„Mit Verstand“, sagte Jaro. „Und mit Hilfe. Die Admins sind da. Und es gibt diese Wächter… oder?“
„Die Wächter sind gefallen“, sagte ein älterer Spieler leise. „Wir haben es gesehen. Sie konnten das Feuer nicht stoppen.“
Lina sah zum Himmel, der noch immer die Risse trug.
„Dann brauchen wir etwas, das stärker ist als Elemente.“
Milo hob eine Augenbraue.
„Pizza?“
Jaro schüttelte den Kopf.
„Nein. Fragmente.“
Alle schauten ihn an.
„Fragmente sind Teile der Welt“, erklärte Jaro. „Wenn die Schattenflamme Fragmente frisst… dann müssen wir Fragmente finden, die sie nicht fressen kann.“
„Und wo finden wir die?“, fragte Lina.
Jaro deutete auf eine alte Karte, die am Schwarzen Brett hing. Dort waren Orte eingezeichnet, die kaum jemand besucht hatte.
„In den Randzonen. In vergessenen Biomen. Da, wo die Welt noch ursprünglicher ist.“
Milo schluckte.
„Also… dahin, wo’s gefährlich ist.“
Lina lächelte.
„Genau dahin.“
Sie reisten nach Norden, ins Gebirge, wo Gauth gefallen war.
Der Weg war schwierig. Überall waren Brüche im Boden, und manchmal mussten sie Umwege laufen, weil ein Gebiet einfach „nicht mehr da“ war.
„Ich hasse Leere“, murmelte Milo, als sie an einem Rand entlang balancierten, unter dem nur Nichts war.
„Dann schau nicht runter“, sagte Lina.
„Genau das ist mein Problem“, antwortete Milo. „Ich kann nicht aufhören!“
Als sie die Berge erreichten, spürten sie es: Der Boden war kalt und schwer. Die Luft war still. Kein Vogel. Kein Wind.
Und in einer Schlucht fanden sie ihn:
Gauth.
Nicht mehr riesig, nicht mehr wach.
Nur ein steinerner Körper, wie eine Statue, die zerbrochen
war.
Runen waren dunkel.
Jaro kniete sich hin.
„Wenn Wächter fallen… bleibt vielleicht etwas übrig.“
Er suchte zwischen den Rissen.
Und fand etwas, das wie ein kleiner Stein aussah – aber warm in der Hand, obwohl alles kalt war.
Ein Fragment.
Es pulsierte.
Lina flüsterte: „Das ist… Erde.“
Milo zog die Hand zurück. „Das kribbelt!“
In dem Moment vibrierte der Stein.
Und eine leise Stimme, tief und ruhig, erklang – nicht im Chat, sondern in ihren Köpfen:
„Tragt mich. Werdet Stand.“
Sie sahen sich an.
„Okay“, sagte Lina. „Wir haben das Erste.“
Doch als sie sich umdrehten, war am Ende der Schlucht etwas Schwarzes.
Ein Funken Schattenbrand.
Er hatte sie bemerkt.
Sie rannten, so schnell sie konnten.
Der Schattenbrand bewegte sich nicht wie ein Monster. Er glitt.
Er floss.
Und überall, wo er vorbeikam, wurde Stein zu dunklem,
glänzendem Boden.
„Schneller!“, rief Lina.
„Ich BIN schnell!“, keuchte Milo. „Meine Beine sind nur… äh… im Energiesparmodus!“
Sie schafften es aus den Bergen – aber der Weg nach Hause war abgeschnitten. Eine Schattenbrand-Zone hatte die Schlucht „gelöscht“.
Jaro zeigte auf die Karte.
„Dann müssen wir übers Frostmeer.“
Milo starrte ihn an.
„Du meinst dieses Gebiet, wo alles rutschig ist und man elegant hinfällt, egal wie man läuft?“
„Genau“, sagte Lina. „Perfekt.“
Auf dem Eis heulte der Wind.
Der Himmel war grau.
Und irgendwo in der Ferne knackte es.
Als sie die Mitte des Frostmeers erreichten, hob sich vor ihnen ein langer Schatten aus der Tiefe.
Szardóks gefallene Form lag unter dem Eis, wie ein riesiger
Sternendrache, der schlief.
Und auf seiner Stirn – zwischen dunklen Schuppen – glitzerte
etwas.
Ein zweites Fragment.
Jaro lief los. Das Eis knirschte.
„Warte!“, rief Lina.
Zu spät.
Das Eis brach – nicht komplett, aber genug, dass Jaro bis zur Hüfte einsackte.
„Ich steck fest!“, rief er, während seine Hände nach Halt suchten.
Milo zog ihn heraus, rutschte dabei selbst fast weg und schimpfte: „Ich sag’s doch, Eis ist der natürliche Feind von Würde!“
Sie erreichten den Drachenkopf.
Das Fragment war kalt, aber klar wie ein kleiner Eiskristall.
Als Lina es berührte, hörte sie eine Stimme – kühl, aber freundlich:
„Tragt mich. Werdet Fluss.“
Und genau in diesem Moment wurde hinter ihnen das Eis schwarz.
Die Schattenflamme hatte eine Spur gefunden.
Sie schafften es zurück an Land – in das Vulkangebiet, wo Pyrobus gefallen war.
Hier war es heiß.
Aber die Hitze fühlte sich anders an als früher.
Als wäre sie müde.
Der Himmel war voller Aschewolken.
Lava floss langsamer, und manche Stellen waren bereits… dunkel.
„Das ist nicht normal“, sagte Lina.
„Nichts ist normal“, antwortete Milo. „Ich hab sogar aufgehört, mich zu wundern. Das ist mein neues Hobby.“
Sie fanden Pyrobus in einem Krater.
Ein Titan aus Lava, jetzt erstarrt.
Wie eine riesige Statue aus schwarzem Glas.
Doch in seiner Brust glomm noch ein Punkt – ein winziges, warmes Licht.
Jaro trat näher.
„Das ist es.“
Das dritte Fragment.
Es war warm – aber nicht zerstörerisch. Eher wie eine Decke an einem kalten Abend.
Als Milo es anfasste, riss er die Augen auf.
„Oh! Das ist… gemütlich.“
Lina musste trotz allem lachen.
Da erklang die Stimme:
„Tragt mich. Werdet Mut.“
Drei Fragmente. Erde, Wasser, Feuer.
Aber es fehlte noch eins.
Thalos.
Und Thalos war… anders.
Der Sumpfwald war still.
Nicht gruselig still.
Eher so still, wie wenn jemand „Pssst“ sagt und man plötzlich
merkt, dass man lauter war als gedacht.
Moos hing von Bäumen, Wasser war dunkel, und überall gab es kleine Lichter – Glühwürmchen oder vielleicht etwas Magisches.
„Ich mag das hier nicht“, flüsterte Milo.
„Warum?“, fragte Lina.
„Weil ich das Gefühl hab, dass die Bäume mich bewerten.“
Jaro ging voraus.
„Hier ist Thalos.“
Sie fanden ihn nicht als Körper.
Sie fanden eine Stelle, an der die Luft flimmerte – als würde Zeit dort anders laufen.
Blätter fielen hoch statt runter.
Wasser tropfte nach oben.
Und ein kleiner Stein rollte langsam… rückwärts.
In der Mitte schwebte das vierte Fragment.
Es sah aus wie ein dunkler Samen mit grünen Linien – wie Moos, das im Schatten leuchtet.
Als Lina es nahm, spürte sie plötzlich viele Bilder: Wachstum, Ende, Neubeginn. Nicht traurig – eher wie eine Geschichte, die weitergeht.
Die Stimme war leise, aber warm:
„Tragt mich. Werdet Wandel.“
Vier Fragmente.
Und als sie alle vier zusammenhielten, passierte etwas:
Die Fragmente zogen sich an.
Nicht wie Magnete, die klack machen.
Sondern wie Puzzle-Teile, die endlich wissen, wo sie hingehören.
Ein Licht entstand.
Nicht grell.
Nicht blendend.
Ein Licht, das sich richtig anfühlte.
Und im Himmel… zuckte die Schattenflamme, als hätte sie Angst.
Zurück in der Kernstadt war es dunkel.
Viele Gebäude waren verschwunden.
Manche Straßen endeten im Nichts.
Aber die Spieler waren da.
Dutzende. Hunderte.
Sie standen nicht nur herum.
Sie halfen.
Sie bauten Wege aus, stellten Fackeln auf, retteten Kisten aus gefährlichen Zonen, führten Neulinge in Sicherheit.
Admin Karo sah das Team kommen und atmete auf.
„Ihr habt sie wirklich gefunden.“
Jaro nickte und zeigte die vier Fragmente.
„Wie nutzen wir sie?“
Admin Karo zeigte auf einen uralten Raumplan.
„Unter dem Ursprungskern gibt es eine Kammer: den Fragment-Sockel. Der wurde nie benutzt, weil… na ja… weil niemand dachte, wir würden ihn brauchen.“
Milo hob eine Hand.
„Ich dachte, ich wäre überflüssig.“
Lina grinste. „Du bist die moralische Unterstützung.“
Milo nickte feierlich. „Das ist mein Talent.“
Sie stiegen hinab.
Je tiefer sie gingen, desto stärker spürten sie die Schattenflamme – wie ein kalter Druck in der Brust.
Der Ursprungskern flackerte.
Und davor schwebte der Wirbel aus schwarzer Glut.
Diesmal formte er sich kurz – wie ein Gesicht ohne Gesicht.
Und ein Wort erschien im Chat, langsam, schwer:
„LÖSCHEN.“
Lina trat vor.
„Nein“, sagte sie laut. „Nicht löschen.“
Jaro hielt die Fragmente fest.
„Wir sind nicht hier, um zu kämpfen wie Wächter.“
Milo schluckte und sagte dann – überraschend ruhig:
„Wir sind hier, um die Welt zu erinnern, wer sie ist.“
Die Fragment-Kammer war kreisrund.
In der Mitte stand ein Sockel mit vier Vertiefungen – genau in der Form der Fragmente.
Als Lina das Erd-Fragment einsetzte, vibrierte der Boden.
Als Jaro das Wasser-Fragment einsetzte, wurde die Luft klarer.
Als Milo das Feuer-Fragment einsetzte, wurde es warm – nicht heiß, einfach warm.
Und als Lina das letzte Fragment – Wandel – einsetzte, passierte etwas ganz Seltsames:
Der Ursprungskern hörte auf zu flackern.
Er leuchtete.
Nicht sofort stark – eher, als würde er langsam wieder Mut sammeln.
Die Schattenflamme zog sich zusammen, als würde sie wütend.
Sie stürzte auf den Kern zu.
Doch da entstand zwischen Sockel und Kern ein Lichtbogen – wie eine Brücke aus Energie.
Die Fragmente verbanden sich.
Und statt zu zerstören, begannen sie… zu reparieren.
Die Schattenflamme traf auf das Licht.
Ein Moment, in dem alles still war.
Dann ein Rauschen.
Nicht laut wie Explosion – eher wie Regen, der plötzlich stärker wird.
Die Schattenflamme wurde nicht einfach „weggepustet“.
Sie wurde… verstanden.
Sie zuckte, als hätte sie zum ersten Mal gemerkt, dass sie nicht gewinnen muss, um zu existieren.
Die Fragmente flüsterten.
Nicht als Worte – als Gefühl.
Du bist nicht der Anfang. Du bist nicht das Ende. Du bist ein Fragment, das seinen Platz nicht kennt.
Die Schattenflamme zitterte.
Und dann geschah etwas Unerwartetes:
Ein kleiner Funke löste sich aus ihr.
Ein Funke, der nicht schwarz war.
Ein Funke, der… grau war. Neutral.
Er schwebte über den Sockel.
Admin Karo flüsterte:
„Sie kann nicht zerstört werden… aber vielleicht… gebunden.“
Der Sockel schloss sich.
Wie eine Kiste, die man zuschnappt.
Die Schattenflamme war nicht weg.
Aber sie war eingesperrt – nicht mit Gewalt, sondern mit Ordnung.
Der Ursprungskern leuchtete hell.
Und oben… im Himmel…
…erschien ein erster Streifen Morgenrot.
Die Sonne kam zurück.
Im Chat schrieb jemand:
„ES IST TAG!!!“
Und ein anderer:
„Mein Haus ist wieder da! … glaube ich… moment… ja!“
Milo ließ sich auf den Boden fallen.
„Ich brauch ’ne Pause. Und Kuchen. Viel Kuchen.“
Lina lachte – und zum ersten Mal seit Tagen klang es wieder wie echtes Lachen.
Jaro schaute zum Sockel.
„Das war Band 1.“
Milo blinzelte.
„Warte… wie, Band 1?“
Lina deutete auf eine neue Zeile, die im Log erschien:
Schattenflamme.status: gebunden
Warnung: Bindung instabil
Fragment-Siegel: 1/7 aktiv
Sie schluckte.
„Das war… nur das erste Siegel.“
Und irgendwo, tief in der Welt, flackerte ein zweiter Schattenbrand-Punkt.
Ganz klein.
Aber wach.
MC-Mügeln war gerettet.
Für jetzt.
Die Spieler bauten wieder auf.
Die Admins schrieben neue Schutzroutinen.
Und das Team der Mutigen bekam einen Namen.
Nicht „die Auserwählten“.
Nicht „die Legenden“.
Sondern:
Die Fragmentfreunde.
Und jedes Mal, wenn jemand neu auf den Server kam und fragte:
„Was war das für eine dunkle Nacht?“
Dann lächelte jemand und sagte:
„Das war die Nacht, in der Hoffnung eingeloggt ist.“
